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Hinaus in die Pampa? Da will doch keiner hin, da gibt es nichts und arbeiten kann man da auch nicht. In die Städte muss man gehen, wenn man einen Job finden will. Ob dann viel vom Verdienst übrig bleibt, ist allerdings fraglich, denn die Mieten schießen bekanntermaßen seit Jahren in die Höhe, während der Wohnraum immer knapper wird. Auf dem Land dagegen gibt es viel Raum für Entfaltung und Selbstverwirklichung - jedenfalls in der Theorie. In der Praxis sinkt die Zahl der Landbewohner stetig, Infrastrukturen verkommen, weil sich eine Erneuerung aufgrund des Bevölkerungsschwunds nicht lohnt, und das treibt am Ende noch mehr junge Menschen in die Städte. Jedenfalls tat es das bisher. Doch seit einigen Jahren gibt es eine Gegenbewegung: Coworking und Coliving Spaces auf dem Land, die Menschen mit gleicher Gesinnung, ähnlicher Lebensvorstellung und vor allem digitalen Berufen zusammen bringen. Doch wer zieht eigentlich aufs Land und was steckt genau dahinter? 

 

Co-Working Spaces auf dem Land

 

Jung, kreativ, digital 

Es sind die Jungen, die Kreativen und die beruflich Ungebundenen, die den Schritt wagen. Schon immer sind vor allem junge Familien von der Stadt aufs Land gezogen, weil es dort Platz für ihre Kinder gibt. Doch eines hat sich daran verändert: Man lässt die Arbeit nicht länger in der Stadt zurück, sondern bringt sie einfach mit. Möglich macht es die Digitalisierung. Vor allem Menschen mit Berufen, die keinen festen Standort benötigen und bei denen sich vieles online abspielt, zeigen Interesse an neuen Wohnkonzepten: Es sind Journalisten, Webdesigner, Illustratoren, aber auch Künstler. Viele von ihnen wollen der Hektik, dem Lärm und der Enge der Stadt entfliehen und erhoffen sich auf dem Land Entschleunigung, Ruhe und Raum für Familie und Selbstverwirklichung. "Viele wollen raus aus der Stadt, aber weiterhin in Gemeinschaft mit hippen Leuten leben", sagt auch Rainer Mickan, der sich in der Nähe von Wernigerode ein solches Coworking und Coliving Space aufbauen will. 

 

Auf dem Land, doch nicht stadtfern 

Innerhalb von 60 Minuten nach Berlin oder Leipzig - so oder so ähnlich verhält es sich bei vielen Coworking Spaces und Wohnkonzepten, die sich im Osten der Republik etabliert haben. So kann man im Zweifelsfalle noch in die Großstadt pendeln und ist nicht völlig ab vom Schuss, während man trotzdem die Ruhe der Natur genießen kann. Mitten im Harz, auf einer Hochebene zwischen Bergwiesen und Wald, liegt der alte Bauernhof, den Rainer Mickan kaufen und in Gemeinschaft mit den anderen Bewohnern zu einem Coworking und Coliving Space umwandeln möchte. Die nächste Großstadt ist Hannover und etwa 80 Minuten mit dem Auto entfernt. Andere Städte wie Braunschweig oder Goslar sind näher dran, aber auch nicht so groß. Darum hat Mickan zunächst erstmal einen Aufruf gestartet, um zu sehen, ob überhaupt jemand Interesse hat - auch mithilfe anderer Wohn- und Arbeitsgemeinschaften in ganz Deutschland.  

 

Auf dem Land, aber mit Anbindung zur Stadt

 

Aber wie funktioniert das Ganze eigentlich? 

Das Interesse ist da, auch ohne direkte Nähe zur Großstadt, erzählt Mickan und erklärt, wie er sich das Zusammenleben vorstellt: Ein Dreiseitenhof soll es sein, der bis zu 20 Personen in fünf Wohneinheiten Platz bieten kann. Es gibt einen alten Bauerngarten, Pferdeboxen und Koppeln, Scheunen, Seminar- und Werkstatträume, sowie einen ehemaligen Hofladen; viel Platz also um Ideen und Projekte umzusetzen. Zuletzt wurden Teile der Räumlichkeiten von der Jugendhilfe genutzt. Die Miete ist mit 4,50 Euro kalt pro Quadratmeter angesetzt. Die Finanzierung soll durch eine Genossenschaft oder einen Verein gesichert werden, für die jeder Bewohner einen Mitgliedsbeitrag zahlt und somit zum Miteigentümer des Hofes wird. “Viele Leute schrecken vor einer so großen Investition zurück, weil sie diese allein tragen müssen. Hier teilen wir die Kosten und Risiken in der Gemeinschaft. Eine Mindestmietzeit gibt es nicht, wenn man also nach zwei Jahren feststellt, das ist doch alles nichts für mich, dann kann man wieder gehen”, erklärt Mickan sein Konzept. 

 

Hippie-Kommune - oder was? 

Es hört sich vielleicht ein wenig danach an, so ist es aber nicht. Längst nicht alle Coworking Spaces sind automatisch auch Coliving Konzepte, dennoch bietet es sich natürlich an. Die Gemeinschaftsprojekte zeichnen sich häufig durch eine ökologische Lebensweise aus. Auch Rainer Mickan will dauerhaft in eine umweltfreundliche Renovierung des Hofes investieren und mithilfe von Solar- und Windkraft für Warmwasser, Heizung oder Strom sorgen. Eine Biokläranlage gibt es bereits. Natürlich ist die Wohn- und Arbeitsgemeinschaft trotzdem auch eine Gemeinschaft, es gehen Verpflichtungen damit einher, aber auch jede Menge Möglichkeiten. Projektideen lassen sich so viel einfacher umsetzen, Aktivitäten können zusammen geplant werden und das Leben gemeinsam organisiert werden. Trotzdem haben alle weiterhin ihren Job und Entscheidungen werden nicht bis aufs allerletzte demokratisch heruntergebrochen. Freiraum und Gemeinschaft - das soll ein Coworking und Coliving Space bieten. 

 

Freiraum und Gemeinschaft zugleich

 

Frischer Wind statt abgehängt 

3,5 Kilometer sind es vom Dreiseitenhof bis zum nächsten Supermarkt und für viele Stadtflüchtlinge ist es erstmal eine Umstellung, wenn das Fitnessstudio plötzlich nicht mehr in Laufweite ist. Freizeitangebote sind auf dem Land häufig begrenzt. Den Regionen, die häufig als abgehängt gelten, fehlen die notwendigen Infrastrukturen, um junge Leute anzuziehen: Kinos, Theater, Clubs - sie alle sind weit weg. Doch viele Gemeinden erhoffen sich durch Projekte wie das von Rainer Mickan frischen Wind für ihren Ort, denn die jungen Leute bringen ihre urbanen Strukturen einfach mit. Sie gründen Cafés, Restaurants und Kitas und bringen dadurch mehr Lebensqualität dorthin, wo lange niemand mehr hin wollte. Kooperationen bieten sich an - eine Kaffeerösterei liefert die Bohnen für das Büro, ein Ökobauernhof die Lebensmittel für die Gemeinschaftsküche. So profitieren gleich mehrere Beteiligte und vielleicht, nur vielleicht lässt sich der Bevölkerungsrückgang auf dem Land damit ein wenig eingrenzen. Die ultimative Lösung ist es womöglich nicht, andererseits scheitern weit weniger dieser Coworking Projekte, als man zunächst annehmen möchte, was auch daran liegt, dass ausführliche Erfahrungsberichte von anderen Stadtmüden online zu finden sind. Rainer Mickan möchte Anfang 2020 mit seinem Hof ins gemeinschaftliche Leben und Arbeiten starten. Genügend Mitstreiter scheint er dafür auf jeden Fall gefunden zu haben. 

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